Die geladene Stromreaktion am Kohlenstoff

If You prefer the english version, click  here!

Bilder zum Downloaden


Die von der Neutrinoquelle ISIS produzierten Elektron-Neutrinos wechselwirken mit den Kohlenstoffkernen des Mineralöls des KARMEN Detektors durch den Austausch eines geladenen W-Bosons (daher der Ausdruck geladener Strom). Dabei wandelt sich der Kohlenstoffkern unter Emission eines Positrons in ein Stickstoffkern um. Das Positron kann im KARMEN Detektor als promptes Ereignis nachgewiesen werden. Der gebildete Stickstoff-Kern mit der Massenzahl 12 (der gleichen wie Kohlenstoff) ist radioaktiv und zerfällt mit einer Zerfallskonstanten von 15.9 ms zurück zu Kohlenstoff. Da sich der Stickstoffkern während dieser kurzen Zeit kaum bewegt, wird das beim radioaktiven Zerfall freigesetzte Elektron praktisch am gleichen Ort wie das Positron nachgewiesen. Dieses Elektron bildet das sequentielle Ereignis. Der Nachweis der Neutrinoreaktion erfolgt also durch den Nachweis eines zeitlich und rämlich eng korrelierten Ereignispaares.

Reaktionssignatur der geladenen Stromreaktion

In einer Meßzeit vom Juli 1990 bis zum Dezember 1995 traf ein Protonenstrom das ISIS Target, der einer gesamten Ladung von 9122 Coulomb entspricht. Dadurch wurden so viele Neutrinos produziert, daß etwa 60 Billionen durch jeden einzelnen Quadratzentimeter Detektorquerschnitt flogen. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit für eine Wechselwirkung der Neutrinos mit Materie so gering, daß in den fünf Jahren nur etwa 500 Ereignisse mit obiger Signatur eindeutig identifiziert werden konnten. Die Messung ist dabei praktisch untergrundfrei (Signal zu Untergrund 35:1), d.h. die Anzahl in der Datenmenge enthaltener, nicht Neutrino-induzierter Ereignisse ist sehr klein. Die folgende Abbildung zeigt die Zeit- und Energieverteilungen der prompten und sequentiellen Ereignisse. Dabei sind in rot die gemessenen Anzahlen von Ereignissen aufgetragen, in blau eine Monte-Carlo Simulation, die der Erwartung einer Messung bei sehr langer Meßzeit entspricht. Die Zeitverteilung des prompten Ereignisses (relativ zum Auftreffen des Protonenstrahls auf das ISIS-Target) zeigt deutlich den Abfall, wie man ihn aus der Zerfallszeit von 2.2 Mikrosekunden der Myonen im ISIS-Target erwartet, die die Elektron-Neutrinos produzieren. Die Differenzzeit zwischen promptem und sequentiellem Ereignis spiegelt die Zerfallszeit des radioaktiven Stickstoffs wieder.

Energie- und Zeitverteilungen der Ereignisse

Durch den (für ein Neutrinoexperiment) extrem niedrigen Untergrund ist es möglich, mit Hilfe dieser Reaktion präzise das Standardmodell der schwachen Wechselwirkung zu testen. Dazu wird aus der Energieverteilung der Elektronen das Energiespektrum der Elektron-Neutrinos rekonstruiert und mit der theoretischen Erwartung verglichen. Abweichungen vom Standardmodell würden sich in einer Erhöhung der Ereignisrate am hochenergetischen Ende des Neutrinospektrums zeigen.

Die Neutrale Stromreaktion am Kohlenstoff

Verzichtet man auf den Nachweis eines sequentiellen Ereignisses, so lassen sich zusätzlich zur geladenen Stromreaktion eine ganze Reihe weiterer Neutrinoreaktionen untersuchen. Die Nachweissignatur besteht dabei lediglich aus dem Nachweis eines einzelnen isolierten, prompten Ereignisses, dem kein sequentielles Ereignis nachfolgt. Im folgenden wird eine solche Signatur als Single Prong Reaktion bezeichnet. Die folgende Abbildung zeigt eine Analyse des Energiespektrums der in den Jahren 1990-95 mit KARMEN aufgenommen Single Prong Ereignisse. Das komplexe Spektrum setzt sich aus einer ganzen Reihe unterschiedlicher Neutrinoreaktionen zusammen, die im folgenden näher erläutert werden.




Durch die Analyse des Single Prong Energiespektrums der in den Jahren 1990-95 aufgenommenen etwa 2000 Neutrinoereignisse konnte eine Vielzahl Neutrino-Kernphysikalischer Fragestellungen behandelt werden. Die Resultate sind unseren Publikationen zu entnehmen, insbesondere sei auf einen aktuellen Übersichtsartikel verwiesen.



Home Zur Suche nach Neutrino-Oszilationen